Love Dolls im Visier

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Im Oktober hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder vorgelegt. Unter anderem soll zukünftig das Inverkehrbringen, der Erwerb und der Besitz von Sexpuppen mit kindlichem Erscheinungsbild unter Strafe gestellt werden. Besonders Stimmen aus CDU, CSU und FDP forderten ein konsequentes Verbot. Die Politiker, wie auch das Bündnis Kinderschutz, sehen die Gefahr darin, dass die Nutzung solcher Kindersexpuppen die Hemmschwelle senke, sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern auszuüben.

Da es in vielen Ländern, ebenso wie in Deutschland, bisher keine spezifischen Regelungen in Bezug auf Love Dolls gibt, wird der Ruf nach einer europaweiten Regelung laut.

Soweit die offiziellen Meldungen und Pressetexte. Auch wir glauben, dass der Schutz von Minderjährigen nicht in Frage gestellt werden darf und soll –  allerdings auch nicht das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, unabhängig von Geschlecht und Alter.

Laut gedacht

Lasst uns doch deshalb einmal die Gegenfrage stellen: Warum sollen Love Dolls generell verboten werden, wenn der Stein des Anstoßes Sexpuppen sind, die eindeutig Kindern nachempfunden sind und auch so beworben werden?

Wie soll man da argumentieren? Anscheinend sind alle Menschen, die Love Dolls nutzen oder besitzen, potenzielle Straftäter oder wie ist das zu verstehen?

Dann müssten wir auch über ein Verbot von Messern nachdenken. Auch wenn viele Menschen Messer nur als Schneidewerkzeug benutzen, soll es doch den einen oder anderen Zeitgenossen geben, der andere mit dem Messer angreift, verletzt oder gar tötet. Das wäre doch mal eine Unterschriftensammlung wert.

Der Schrei nach einem Verbot von Love Dolls zeugt ein bisschen von Verzweiflung. Haben wir doch genügend Baustellen, die es anzugehen gilt, wie beispielsweise Kinderarbeit oder Kinderehe, überforderte Jugendämter, Missbrauch in Einrichtungen, etc. Leider sind das alles Themen, die nicht schwarz-weiß betrachtet werden können und einer dringenden Diskussion benötigen, jedoch gerne unter den Tisch gekehrt werden. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.

Bitte keine Vorurteile

Doch zurück zum Thema Love Dolls. Im ersten Schritt sollten wir ganz klar zwischen Dolls (unabhängig von ihrer Größe), die erwachsenen Personen nachempfunden sind, und Sexpuppen, die eindeutig Kinder darstellen, unterscheiden. Wir laufen sonst Gefahr, Menschen zu diskriminieren und mit einem Stempel zu versehen, weil sie Love Dolls besitzen oder nutzen, die möglicherweise kleiner sind, als „echte“ erwachsene Menschen. Reicht das aus als Generalverdacht?

Das Grundgesetz garantiert jedem Menschen größtmögliche persönliche Freiheit, solange er keinen Dritten gefährdet oder benachteiligt, oder gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

Aufklärung tut Not

Es würde uns an dieser Stelle daher guttun, eine offene gesellschaftliche Diskussion über unser Verhältnis zur Sexualität zu führen, denn wir sind noch weit entfernt von einem ehrlichen Umgang mit diesem Thema in seiner ganzen Bandbreite.

Einerseits spielen in der Erziehung und dann auch im Leben als Erwachsener immer noch Schamgefühle und Unwissenheit in Bezug auf Sexualität eine große Rolle, andererseits werden wir überflutet mit nackter Haut auf allen Kanälen und zweifelhaften TV-Formaten. Geht so eine aufgeklärte Gesellschaft mit schwierigen Themen um? Sicherlich nicht. Unser Umgang mit Sexualität ist von Doppelmoral geprägt, ansonsten lässt sich diese Diskussion nicht erklären.

Die andere Seite

Dabei hat das Thema Dolls nicht nur sexuelle Aspekte, da bei weitem nicht alle Dolls für ihren eigentlichen Zweck genutzt werden. Oft ist die Puppe ein „Familienmitglied“ – und selbstverständlich redet niemand darüber, weil dies ein Tabu ist.

Immer mehr Menschen sind heutzutage einsam oder überfordert von der Komplexität dieser Welt und wenn eine Doll einem Menschen helfen kann, sich besser zu fühlen, steht es uns als Gesellschaft nicht zu, ihm diese Möglichkeit zu nehmen.

Vielleicht wäre es lohnend sich die Frage zu stellen, ob Dolls nicht auch im therapeutischen Bereich einiges bewirken könnten? Das wäre eine spannende Diskussion.

Und vielleicht können Dolls ja auch für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen hilfreich sein? Aber darüber will die Gesellschaft nicht nachdenken, das ist – nein, Sexualität bitte nur genormt und am besten nicht drüber reden. Das ist pfui.

Sexualität findet hinter verschlossenen Türen und Vorhängen statt und bietet viel Raum für Vorurteile und Verurteilung. Gleichzeitig wächst die Kommerzialisierung der Sexualität und entfernt uns mit ihren künstlichen, lebensfernen Bilderfluten noch weiter von uns selbst.

Alles was nicht die Kategorie „normal“ passt, wird stigmatisiert. Darin haben wir ja eine lange Tradition und besonders die Kirche spielt gerne eine führende Rolle, wenn es um Intoleranz oder Tabuisierung von Sexualität geht.

Wobei hier auch mal die Frage erlaubt sein sollte, ob sich die katholische Kirche eine Menge Ärger hätte sparen können – hätten die Priester Ausweichmöglichkeiten gehabt.

Unter Generalverdacht

Medial wird das Thema sehr einseitig dargestellt und Fakten oft aus dem Zusammenhang gerissen. Unterschwellig schwingt immer die Frage: Und warum sind die Puppen dann so klein? Das hat doch was mit Kindern zu tun.

Nein, hat es nicht.

Die Frage beim Kauf lautet, wieviel Love Doll kann ich mir leisten? Oder wieviel Love Doll kann ich handhaben? Vielleicht sitze ich im Rollstuhl und eine lebensgroße Doll ist zu schwer oder sperrig? Vielleicht reicht mir auch einfach eine kleine, weil ich nicht so viel Geld habe, oder nicht so viel Platz oder wie auch immer – das sollte nicht gerechtfertigt werden müssen.

Nur noch einmal zur Erinnerung: Auch Minderheiten haben Grundrechte und das Recht auf freie Entfaltung. Und wir sollten uns vor Augen halten, dass Vorurteile zu Angst und Verurteilungen führen und dass Vorurteile immer Vor-Verurteilungen sind – man urteilt, bevor man die Fakten kennt.

Und wenn wir schon beim Thema Vorurteile sind, ist es traurig zu sehen, dass Themen missbraucht werden, um Ängste zu schüren und Aufmerksamkeit zu erlangen. Den Nachweis, dass Missbrauch – egal in welcher Form – und die Affinität für Love Dolls in Zusammenhang stehen, ist man schuldig geblieben. Eine ernsthafte und vernünftige Diskussion kann nur auf der Basis von Fakten geführt werden.

Deshalb ist der Ruf nach einem Verbot der falsche Weg – von der Tatsache einmal abgesehen, dass das Verbot Menschen treffen würde, die niemandem etwas getan haben.

Wir werden die Entwicklung weiterhin beobachten und euch an dieser Stelle auf dem Laufenden halten.

 

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